Was ist Stress?

Es dürfte kaum ein verbreiteteres Phänomen in modernen industriellen Gesellschaften geben, als Stress. Es wird schwer sein, jemanden zu finden, der von sich nicht irgendwann schon einmal gesagt hat "Ich bin gestresst!". Dennoch macht es viel Sinn, sich damit genauer zu befassen, wie man das, was allgemein als Stress bezeichnet wird genauer verstehen kann. Nicht zuletzt, weil dies auch ein bewusstes Umgehen mit diesem Erleben begründen kann.

Wenn man die Bezeichnung Stress zunächst versucht, ohne - oft negative - Wertung zu untersuchen, dann geht es um Anforderungen der unterschiedlichsten Art, die wir alltäglich erleben: von den Leistungsanforderungen in der Arbeitsumgebung bis zu dem Bestreben, das Leben "im Griff" zu behalten. Gefordert sind wir also sowohl mental, als auch körperlich als auch als soziale Wesen bei der Bewältigung dieser Anforderungen.

Und: Bewältigung bezeichnet das ständige Bestreben, Anstrengungen einerseits und "Luft holen" andererseits, also Erholung und Ruhe in der Balance zu halten. Versteht man Gesundheit nicht als Abwesenheit von Krankheit, sondern als umfassendes Wohlbefinden, dann ist es höchst sinnvoll, sowohl die Anforderungen wie unsere Bewältigungsmöglichkeiten ganzheitlich zu verstehen. Anforderungen wirken auf unsere Körper ebenso wie auf unsere Psyche und unsere soziale Umgebung, umgekehrt enthalten alle diese Bereiche auch Ressourcen zur Bewältigung von Anforderungen.

Stress resultiert also aus Anforderungen, die von außen kommen, aber auch daraus, mit welchen Einstellungen, Verhaltensweisen und Bewertungsmustern wir mit diesen Anforderungen umgehen und in welcher sozialen Umgebung wir das tun.

Gesundheitsorientierter Lebensstil - alles hängt mit allem zusammen

Entscheidend für das Verständnis und das Umgehen mit Stress - also letztlich das Gelingen eines gesundheitsorientierten Lebensstiles ist Folgendes: Körper, Psyche und soziale Umgebung sind untrennbar wechselseitig miteinander verflochten. Alle Ebenen und ihre einzelnen Aspekte wirken beständig in jedem Augenblick unseres Lebens aufeinander - selbst wenn wir schlafen. Es gibt also nicht nur äußere Stressoren oder mentale Muster wie zum Beispiel eine positive Lebenseinstellung oder nur das soziale Umfeld, in dem man sich aufgehoben oder einsam fühlt - alle diese Aspekte beeinflussen einander. "Angst essen Seele auf" - so lautete ein Filmtitel von Rainer Werner Fassbinder, der das gelungen zum Ausdruck bringt. Man sollte diesen Titel durchaus wörtlich verstehen.

Guter Stress und schlechter Stress?

Die populäre Unterscheidung von Eu- und Disstress macht offenbar vor dem Hintergrund des Gesagten nicht viel Sinn: Es kommt vielmehr darauf an, in dem Mittelpunkt zu rücken, wie wir körperlich, mental und sozial mit den sich uns stellenden Anforderungen umgehen. Man kann auch sagen, wie wirksam wir mit unseren Ressourcen umgehen und sie entwickeln. Objektiver ausgedrückt: Wir passen uns an Anforderungen mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln an zur Erhaltung unserer Funktionstüchtigkeit und Vitalität.

Jeder von uns hat die Fähigkeit und in großem Maße die Möglichkeit, die Balance aufrechtzuerhalten zwischen Anforderungen und Bewältigung dieser Anforderungen. Zugleich ist klar: Wir können Kenntnisse und Fähigkeiten, die nützlich sind, um Anforderungen zu bewältigen weiter pflegen und entwickeln. Wir sind zu guten Teilen selbst verantwortlich für eine gesundheitsorientierte Lebensführung.

Das ist nicht erst dann sinnvoll, wenn "das Kind in den Brunnen gefallen" ist, wenn es also nicht mehr ausreichend gelingt, die Balance aufrecht zu erhalten: Wenn umfassendes Wohlbefinden das Ziel ist, dann wird ein gesundheitsgerechter Lebensstil sinnvollerweise zum dauerhaften Begleiter.

Seit dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts sind eine ganze Reihe theoretischer Konzepte - Stressmodelle - entwickelt worden. Die wichtigsten stammen von Hans Selye (Stress als unspezifische situative Herausforderung und Anpassung), Richard Lazarus (transaktionale Stresstheorie; Stress bezeichnet eine Beziehung zwischen Individuum und Umwelt, die als bedrohlich und überfordernd gewertet wird), Robert Karasek (Anforderungs - Kontrollmodell), Aaron Antonovsky (Folgen erlernter bzw. erworbener Hilflosigkeit) und Jon Kabat - Zinn (Achtsamkeit - vor allem trainiert durch Meditation - als wesentliche Stressreaktion).

Situativer Stress und chronischer Stress

Stress verstanden als uns umgebende Anforderungen und ihre Bewältigung ist ein natürlicher Bestandteil unseres Lebens.

Stress wird dann zum unser Wohlbefinden einschränkenden oder gar krankmachenden Vorgang, wenn es uns nicht oder nicht hinreichend bzw. nicht dauerhaft gelingt, Anforderungen zu bewältigen. Wir verlassen dann den Rythmus von Anspannung und Entspannung, wir sind nicht mehr in der Balance. Dieser chronische Stresszustand kann Körper und Seele krank machen und unsere soziale Einbindung beschädigen oder gar zerbrechen.

Wirkungen von Stress: der Körper

Die physischen Wirkungen von Stress d.h. die Formen der durch Anforderungen hervorgerufenen körperlichen Anpassungsreaktionen sind relativ gut erforscht. Im Wesentlichen sind zwei Systeme - das Nervensystem und das humorale (Blutkreislauf) System - beteiligt.

Der Körper reagiert zunächst auf einen wahrgenommenen Reiz durch Freisetzung von Adrenalin bzw. Noradrenalin sowie die Aktivierung des vegetativen Nervensystems, hier des Sympathikus. Dieses Nervensystem verbindet das Gehirn mit den Körperorganen. So erhöht sich beispielsweise der Herzschlagrythmus, ein Teil der Blutgefäße verengt sich, die Pupillen erweitern sich, die Atmung beschleunigt sich, die Verdauungsfunktionen werden verlangsamt, die Schweisssekretion wird angeregt usw.

Die körperliche Anpassungsreaktion besteht darin, dass der Parasympathikus die jeweils gegenteiligen Wirkungen hervorruft und so auf den Erregungszustand beruhigend wirkt. Normalerweise ist also der immer wieder erreichte Zustand zwischen Erregung und Anpassungsreaktion ein Gleichgewicht (Homöosthase).

In Teilen des Gehirns (Hypothalamus, Hypophyse) wird eine Kaskade von Hormonen bzw. Transmittern in Gang gesetzt, die im Nebennierenmark zur Freisetzung von Kortisol führen. Dieses Hormon setzt seinerseits eine Reihe von Stressanpassungsvorgängen in Gang. Dazu gehören die Bereitstellung von Energiereserven und Rückwirkungen auf das Immunsystem.

Dieser Kortisol - Prozess ist selbstregulierend: Je mehr Kortisol ausgeschüttet wird, desto stärker reduzieren die die gesamte Kaskade auslösenden Hirnteile (s.o.) ihre Aktivität.

Bis hierher werden die körperlichen Stressanpassungsreaktionen als evolutionär sinnvoller Prozess der Bereitstellung erhöhter Energiereserven, der raschen (überwiegend nicht reflektierten) Anpassungsreaktionen auf Anforderungen verstanden.

Hält nun allerdings der Erregungsprozess weiter an, dann wird dieser Selbstregulierungskreislauf und damit der Charakter des Anpassungsprozesses in mehr oder weniger großem Umfang gestört bzw. verändert. Eine der wesentlichen Phänomene dabei ist ein dauerhaft erhöhter Kortisolspiegel.

Mit einer solchen dauerhaften Aufrechterhaltung des Kortisolspiegels wird eine Reihe von Erkrankungen in Zusammenhang gebracht. Neben Einwirkungen auf die Anzahl und Funktionsfähigkeit der neuronalen Schaltstellen, der Synapsen, zählen zu den bekanntesten und häufigsten dieser Störungen Ulzera, Asthma, chronischer Kopfschmerz, Bluthochdruck und koronare Herzkrankheiten.

Ein weiterer wesentlicher Zusamenhang besteht zwischen dauerhaftem Stress und dem Zustand des Immunsystems (Immunkompetenz). Die Psychoneuroimmunologie erforscht beispielsweise Zusammenhänge von Stress und Infektionserkrankungen sowie Krebs.

Wirkungen von Stress: Psyche und soziale Umgebung

Recht gut untersucht sind Zusammenhänge zwischen bestimmten Einstellungsmustern sowie zwischen dem Grad der (subjektiven) sozialen Einbindung und der Fähigkeit zu gesunder Stressanpassung.

Je positiver beispielsweise die allgemeine Lebenseinstellung, je eher eine Anforderung als produktive Herausforderung und nicht als unbewältigbares Hinderniss, je selbstbewusster auf die eigenen Bewältigungsressourcen vertraut wird, je kontrollierbarer die Rahmenbedingungen von Anforderungen und ihrer Bewältigung erscheinen, je besser ein Mensch sich in seiner sozialen Umgebung eingebunden fühlt, in desto geringerem Ausmaß wirken sich Stressanpassungsreaktionen körperlich, psychisch und sozial krankmachend bzw. als Einschränkung des Wohlbefindens aus.

Wie stark Körper, Psyche und soziale Umgebung miteinander wechselwirken kann man zum Beispiel an folgenden Untersuchungsergebnissen ablesen: Bei einer Gruppe von Zahnmedizinstudenten wurden Phasen von erhöhtem Prüfungsstress mit normalen Lernphasen verglichen. Der Immunglobulinspiegel - und damit der Zustand des Immunsystems, also die Infektanfälligkeit - variierte umgekehrt proportional - je größer der Prüfungsstress, umso niedriger der Immunglobulinspiegel und damit die Immunkompetenz und umgekehrt. Ähnliche Zusammenhänge wurden zwischen dem Grad der sozialen einbindung und der Anzahl von T - Lymphozyten, die ebenfalls wichtige Elemente des  Immunsystems sind nachgewiesen.